Dr. Sarah von Hagen
Dr. Sarah von Hagen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der maritimen Militärgeschichte, der Geschichte der Gewalt sowie der Rechts- und Reichsgeschichte der Frühen Neuzeit. Derzeit arbeitet sie an einem Habilitationsprojekt zur Praxis und den Akteuren des Reichshofrats im 17. und 18. Jahrhundert.
Habilitationsprojekt:
Mysterium Reichshofrat
Akteure und Praktiken der kaiserlichen Rechtsprechung im 17. und 18. Jahrhundert

Der Reichshofrat (RHR) war eines der höchsten Gerichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und zugleich ein zentrales Beratungsorgan des Kaisers. Seine Zuständigkeit reichte weit über reine Rechtsangelegenheiten hinaus. Er entschied über Fragen der Reichspolitik, der Territorialverwaltung und, wie jüngere Studien gezeigt haben, über so unterschiedliche Bereiche wie die österreichischen Erblande oder die Vergabe von Druckprivilegien.
Trotz dieser zentralen Stellung ist über die Menschen, die den RHR prägten, und über seine alltägliche Verfahrenspraxis erstaunlich wenig bekannt. Die bisherige Forschung konzentrierte sich auf normative Quellen und entwarf dabei ein Idealbild eines professionellen, effizienten und unabhängigen Gerichts, das im Widerspruch zu zeitgenössischen Quellen und Wahrnehmungen steht. Phänomene wie die zunehmende „Rearistokratisierung" der Herrenbank seit dem späten 17. Jahrhundert, konkurrierende Rechtsnormen oder der Einfluss höfischer Praktiken auf die Rechtsprechung blieben so weitgehend unerklärt.
Das Habilitationsprojekt Mysterium Reichshofrat setzt genau hier an. Untersucht wird der RHR zwischen 1658 und 1806 als eine Institution, die die modernen Trennungen zwischen Recht und Politik, Amt und Person, Verfahren und Beziehung nicht kannte und nicht hätte kennen können. Im Mittelpunkt stehen die Reichshofräte als Akteure mit ihrer Herkunft, ihren Netzwerken und ihren Handlungsspielräumen, sowohl in den offiziellen Gerichtssitzungen als auch in den häuslichen Verfahrensabschnitten.
Methodisch verbindet das Projekt eine praxeologische Institutionengeschichte mit Ansätzen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), insbesondere Bruno Latours Rechtsethnographie. Die zentrale Frage lautet: Wie funktionierte der Reichshofrat jenseits seiner normativen Selbstbeschreibung und jenseits moderner Kategorien von Recht und Politik? Die Antwort liegt in seiner hybriden Institutionenlogik, einer Hybridität, die die Forschung lange als Defizit gedeutet hat, die aber erst das Funktionieren des RHR erklärbar macht.
Ziel ist es, die „Black Box" des Reichshofrats zu öffnen, ein differenzierteres Bild einer der rätselhaftesten Institutionen des Alten Reiches zu zeichnen und damit zugleich neue Impulse für die Erforschung frühneuzeitlicher Institutionen insgesamt zu geben.
Forschungsinteressen
- Maritime Militärgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts
- Geschichte der Gewalt
- Militärgeschichte des 18. Jahrhunderts
- Geschichte der Frühen Neuzeit
- Geschichte Großbritanniens
- Theorie und Methoden der Geschichtswissenschaft
- Geschichte des Reichshofrats
- Frühneuzeitliche Rechtsgeschichte
Publikationen (Auswahl):
Monographie
Maritime Gewalten. Die Schlacht in den atlantischen Seekriegen, 1665–1783, Frankfurt a.M./New York 2026.
ausgezeichnet mit dem 1. Platz des Förderpreises für Militärgeschichte und Militärtechnikgeschichte der Bundeswehr 2025 und dem Aufsatzpreis "Tradier et Diffuser" des Deutschen Historischen Instituts Paris 2025
Aufsätze
- Naval Enlightenment. Ordnung und Koordination in der Seekriegsführung des 18. Jahrhunderts, in: Das Achtzehnte Jahrhundert 50/1 (2026). (im Erscheinen)
- Der Rhythmus der Schlacht. Sounds und Soundscape als strukturierende Elemente frühneuzeitlicher Seeschlachten, in: Martin Clauss/Gundula Gahlen/Oliver Janz (Hg.), Der Sound des Krieges (Krieg und Konflikt, Bd. 28), Frankfurt a. M./New York 2025, S. 89–108. (Zur Open Access Publikation)
- Zwischen Repression und Emanzipation. Gewalterfahrungen von Blacks in der Royal Navy (1756–1815), in: WerkstattGeschichte 90 (2024), S. 17–36. (PDF)
- Everyone's a Winner? Militärischer Erfolg und Normenkonkurrenz am Beispiel der Belagerung von Toulon 1707, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 81/2 (2022), S. 417–446. (Zum Aufsatz)
- Berichten über das Unbekannte – Frühneuzeitliche Reisebeschreibungen als Zugang zu Fremdheitserfahrungen, in: Maria Rhode/Ernst Wawra (Hrsg.), Quellenanalyse. Ein epochenübergreifendes Handbuch für das Geschichtsstudium, Stuttgart 2020, S. 313–320.
- Ehr-Korrekturen. Zur Redaktionsgeschichte des Journal de la Campagne en Flandre 1746 des Fürsten Carl August Friedrich zu Waldeck, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 69 (2019), S. 115–139.
Rezensionen
- Bernd Lehmann, Das Prisenrecht und seine Umsetzung in der Seekriegsführung Frankreichs, Englands und der Generalstaaten der Niederlande in den Kriegen 1672–1713, München 2024, in: H-Soz-Kult, 05.12.2025. (Zur Rezension)
- Benjamin Darnell, Maritime Power and the Power of Money in Louis XIV's France. Private Finance, the Contractor State, and the French Navy, Rochester, NY 2023, in: Francia-Recensio 2025/2. (Zur Rezension)
Vita
Akademische Ausbildung
- 2020–2025: Promotion an der Georg-August-Universität Göttingen
- 2020: M.St. in History of War an der Universität Oxford
- 2019: M.A. in Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen
- 2017: B.A. in Geschichte und Deutsche Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen
Berufliche Stationen
- seit 04/2025: Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Frühe Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen
- 2020–2025: Wissenschaftliche Hilfskraft, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen
- 2023: Lehrauftrag, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen
- 2018–2020: Redaktionsassistenz, Zeitschrift Historische Anthropologie
- 2017–2019: Studentische Hilfskraft, Abteilung Frühe Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen
Forschungsaufenthalte
- 10/2022–01/2023: Deutsches Historisches Institut Paris
- 10/2021–09/2022: Universität Exeter
Preise und Stipendien
Preise
- 2025: 1. Platz, Förderpreis für Militär- und Militärtechnikgeschichte der Bundeswehr für die Dissertation Maritime Gewalten
- 2025: Aufsatzpreis „Traduire et Diffuser" des Deutschen Historischen Instituts Paris für die Dissertation Maritime Gewalten
Stipendien
- 2023–2025 Promotionsstipendium der Gerda Henkel Stiftung
- 2022–2023: Mobilitätsstipendium des Deutschen Historischen Institut Paris
- 2021–2022: Forschungsstipendium des DAAD
- 2020–2021: Exposéstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes
- 2019–2020: Auslandsstipendium des DAAD
- 2016–2021: Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes
Mitgliedschaften
- Redaktionsmitglied, Militär und Gesellschaft. Zeitschrift des Portals Militärgeschichte (Aufsatzressort)
- 2. Vorsitzende, Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V.
- Arbeitskreis Großbritannien-Forschung (AGF)
- Arbeitskreis Militärgeschichte e.V.
- Deutsche Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts
- Navy Records Society
- The Society for Nautical Research
- Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands
